Ein französisches Phänomen: das Eigenunternehmen
Dezember 2010
Seit Januar 2009 kann man in Frankreich dank einer neu geschaffenen Unternehmensart mit ein paar Internetclicks ein Unternehmen gründen: das sog. Eigenunternehmen. Seitdem haben 400000 Eigenunternehmer ...
Seit Januar 2009 kann man in Frankreich dank einer neu geschaffenen Unternehmensart mit ein paar Internetclicks ein Unternehmen gründen: das sog. Eigenunternehmen.
Seitdem haben 400000 Eigenunternehmer diese Gelegenheit genutzt. Es scheint sich hierbei nicht nur um eine wirtschaftliche Realität zu handeln, sondern vielmehr auch um eine gesellschaftliche Erscheinung.
Im Zuge des Gesetzes zur Modernisierung der Wirtschaft, wurde diese Regelung 2008 eingeführt. Laut Staatssekretär Henri Novelli, sollte diese neue Unternehmensart “die Antwort für alle diejenigen sein, die zwar eine Idee haben, aber noch zögern...”
Studenten, Arbeitnehmer, Rentner, Makler und junge Menschen können sich fortan auf ein unternehmerischer Abenteuer einlassen, alles dank einer einfachen Unternehmenserklärung.
Sowohl Formalitäten als auch die Kosten der Unternehmensgründung wurden dabei stark verringert.
Die Beziehungen zur Verwaltung werden vereinfacht. Sozialabgaben und Steuerabgaben hängen vom erklärten Umsatz ab. Das Zahlen der Steuer ist liberal gestaltet und kann einerseits entweder monatlich oder dreimonatlich erfolgen und andererseits direkt über das Internet.
Das beduetet: Kein Umsatz = keine Steuern, keine Sozialabgaben. Es muss lediglich eine Bedingung erfüllt werden, um den Status eines Eigenunternehmers zu erhalten: ein festgelegter jährlicher Umsatz darf nicht überschritten werden: 32500€ in Dienstleistungen und 80000€ im Handel.
Dank dieser drei Prinzipien der Einfachheit, der Geschwindigkeit der Verfahrensweisen und des freien Zugangs, trauten sich die Franzosen eine neue unternehmerische Berufung zu, dies natürlich in einigen Fällen unter dem Gesichtspunkt der Arbeitslosigkeit, in anderen Fällen unter dem Antrieb einer Entscheidung des Lebens oder aufgrund des Wunsches, eine Zusatzaktivität aufzubauen.
18 Monate nach der Einführung der neuen Regelung ist ihr Erfolg zu massiv und zu dauerhaft, um sie nicht als ein neues gesellschaftliches Phänomen zu bezeichnen. Fast scheint es so, als hätte dieser neue Status unternehmerische Energien in Frankreich freigesetzt, obwohl Frankreich lange Zeit für ein Land gehalten wurde, in dem Verwaltungsabläufe und Sozialabgaben zu stark sind. Trotzdem soll all dies nicht bedeuten, dass das Eigenunternehmen zum neuen Geschäftsmodell für Unternehmen geworden ist, doch kann es als ein zweckdienliches Hilfsmittel für das Start-up eines Unternehmens gesehen werde.
Vorteile der neuen Regelung:
- Sie macht die Berechnung der Abgaben einfacher;
- Sie sichert soziale Absicherung und das Recht auf Pensionierung;
- Sie vermeidet feste Steuerberechnungsgrundlagen und Sozialabgaben während der Start-up-- Phase und nicht vorhergesehene Regelungen;
- Sie erlaubt konkurrenzfähigere Preise dank der Selbstbestimmung der MwSt.-Zahlung;- Sie authorisiert einfachere Buchhaltungsbedingungen;
Nachteile der neuen Regelung:
- Im Falle der Überschreitung der Geldlimits oder einer Statusänderung, des Wunsches nach Verkauf des Unternehmens oder des Wunsches nach einem neuen Anteilseigner, ist es notwendig, die Buchhaltung von Neuem zu beginnen
- Die Bedenken der Banken angesichts des Fehlens von Konten, im Besonderen in Fällen von Kreditvergaben.
- Das Zahlen von Sozialabgaben und Steuern, auch im Falle von Verlusten, sowie kein Verlustvortrag aus globalen Steuereinnahmen.
- Die Sozialabgaben sind während des Start-ups teilweise höher als die festen Sätze.
- Die nicht zurückerstattbare MwSt. auf Aktivposten und Ausgaben.
Die Zahl neuer Unternehmen hat im Jahr 2009 ein neues Allzeithoch erreicht. Zum 30. November waren 528399 neue Unternehmen gegründet worden, im Vergleich zu 327000 im Jahr 2008 und 321478 im Jahr 2007. Eigenunternehmer machen dabei 291921 der Gesamtzahl aus. Der Rest von 236500 Unternehmen sind demnach andere neue Unternehmen.
Mit Sicherheit werden einige dieser Eigenunternehmen wahrhaft beständige Unternehmen werden, aber um das zu erreichen, müssen sie nicht nur Umsatz erzielen, sondern auch Gewinn für den Eigenunternehmer.
Derzeit haben nur etwa 40% dieser Eigenunternehmer eine Steuererklärung eingereicht, und somit den eigentlichen wirtschaftlichen Kreis erreicht, der auch Wohlstand erzeugt. Bei einem monatlichen Durchschnittsumsatz von 1400 Euro können die Eigenunternehmer allerdings nicht von ihrem Geschäft leben. Ihr monatlicher Durchschnittsgewinn wird hierbei auf 775 Euro geschätzt.
Dies bedeutet somit staatliche Steuerzusatzeinnahmen von 200000 Euro. Das ist zwar weit weniger, als die vom Staat erhofften 1 Mil. Euro, aber in Krisenzeiten ist es natürlich besser als gar nichts.
Einige kritisieren die neue Unternehmenart: Besonders die KMUs des Baugewerbes sprechen von unfairen Verhältnissen, auch wenn nur weniger als 10% der Eigenunternehmer diesem Sektor angehören und Aktivitäten mit geringem Mehrwert größtenteils von den Handwerkern nicht akzeptiert werden.
Ein anderer Vorwurf, der dieser Regelung gemacht wird, ist, dass er potentielle feste Arbeitsverträge ersetzt. Einige Aussagen belegen, dass Unternehmen es in der Tat vorziehen könnten, einen Geschäftsvertrag, anstatt eines Arbeitsvertrages einzugehen.
Wir alle wissen, dass die Geschäfts-Start-up-Zahlen von den Arbeitslosenzahlen abhängen. Wir wissen auch, dass es für neue Unternehmen schwierig ist, das erste Jahr auf dem Markt zu überstehen, und zudem werden wir bis 2015 warten müssen, um zu erfahren, wie viele der neuen Eigenunternehmen beständig und gewinnbringend sind.
Wir hoffen, dass im Jahre 2015 die Eigenunternehmen aus dem Jahre 2010 verschwunden sein werden, da das Gegenteil bedeuten würde, dass sie es nicht geschafft haben, sich nachhaltig zu entwickeln.
Nadine Blain
General Manager
ADMINEX France



